DOMOTEX 2019, 11. - 14. Januar
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Framing Trends

Framing Trends: Die Sehnsucht nach Individualität

Wir wollen einzigartig sein, werden aber immer gleicher, sagt Nomad-Gründerin Jutta Werner. Ein Gespräch über Individualität und Innenarchitektur im Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten.

08.03.2018
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Bild: ®Nagender Chhikara

Auf der DOMOTEX 2018 sorgte sie mit einem Teppich aus recyceltem Bonbonpapier für Furore: Architektin Jutta Werner, Gründerin des Hamburger Designstudios Nomad. Im Interview verrät sie, was hinter dem Entwurf steckt – und warum Innenarchitektur in uns selbst beginnt.

Frau Werner, was bedeutet Ihnen das DOMOTEX-Motto "Unique Youniverse"?

Individualität rückt als Thema immer weiter nach vorne. Vielleicht, weil wir uns immer stärker einander angleichen. In gewisser Weise waren wir noch nie so konform wie heute. Früher gab es viel größere Unterschiede zwischen Ländern, Kulturen und Generationen. Ich reise viel und finde es manchmal fast erschreckend, wie wenig sich die Stadtzentren noch unterscheiden – überall dieselben Filialen, dieselben Marken, dieselben Farben. Hinzu kommt, dass alle dieselben Internet-Plattformen, Blogs und sozialen Medien nutzen. Ich teile oft die Playlists mit unseren vier Söhnen.

Warum wollen wir überhaupt individuell sein?

Einzigartig zu sein ist ein sehr menschlicher Wunsch. Das gehört zum Leben dazu: Wir wollen nicht wahrhaben, dass wir nur ein kleines Rad im Getriebe der Welt sind. Dass wir eine Weile auf dem Planeten herumturnen und dann wieder weg vom Fenster sind. Individualität bedeutet: Gegen die eigene Sterblichkeit arbeiten. Etwas schaffen, das Bestand hat. Nach dem Motto: Ich bin einzigartig, darum existiere ich. Als Innenarchitektin lerne ich meine Kunden darum immer zuerst kennen. Nur dann kann ich einen maßgeschneiderten Entwurf erstellen.

Wie kommen Ihre Kunden auf Sie zu?

Vor 15 Jahren habe ich von Kunden oft gehört: "Sie sind die Expertin – machen Sie einfach mal." Heute kommen Kunden mit sehr genauen Vorstellungen zu mir. Sie haben im Internet recherchiert und glauben genau zu wissen, was zu ihnen passt. Aber in der letzten Kurve merken die meisten dann doch, dass sie es nicht alleine hinbekommen. Also fange ich bei null an. Ich frage meine Kunden, was sie an ihrem jetzigen Interior Design stört und was sie vorhaben. Ich will herausfinden, woher ihre Sehnsucht nach Veränderung kommt. Was ist die treibende Kraft? Wenn ich das weiß, kann ich alles andere relativ einfach umsetzen. Das Entscheidende findet im Gespräch statt.

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Immer auf Achse: Nomad-Gründerin Jutta Werner (Bild: Ivo von Renner)

Hinter jedem Design steckt also eine bestimmte Psychologie?

Genau. Raum und Mensch stehen in einer Wechselwirkung. Prinzipiell gibt es zwei Typen von Kunden: Die einen wollen sich weiterentwickeln, weil sie sich bereits verändert haben – vielleicht weil sie etwas Besonderes erlebt haben. In diesem Fall versuche ich, das Innere nach außen zu bringen. Es gibt aber auch Kunden, die mit ihrem Interior Design unzufrieden sind und selbst nicht genau wissen, warum. Denen zeige ich durch neue Strukturen, Materialien und Farben ein Bild, das sie selbst noch gar nicht in sich tragen. Ich entwickle sie in eine bestimmte Richtung weiter. Mein Ziel ist, dass der Kunde am Ende sagt: "Es lebt sich so anders in diesem Raum, mein ganzer Tagesablauf ist besser, ich kann besser relaxen." Zur Innenarchitektur gehört eben auch ein großes Stück Psychologie.

"Zur Innenarchitektur gehört ein großes Stück Psychologie."

Jutta Werner, Nomad

Sie arbeiten hauptsächlich für große, international agierende Unternehmen. Ist es dort ähnlich?

Privatpersonen wollen Wohlbefinden, Unternehmen wollen Profit. Davon abgesehen ist meine Arbeitsweise bei Industriekunden prinzipiell dieselbe wie bei Privatkunden: Entweder hole ich aus einer Marke das heraus, was bereits in ihr steckt. Oder ich zeige über die äußere Hülle, wie sich die Marke schärft oder neu aufstellt. Eine Marke repräsentiert ja auch eine Lebenshaltung und verspricht dem Kunden etwas: Wenn du mich kaufst, bist du hip oder hast Geschmack oder dergleichen. Das stelle ich in 3D dar. Bei einem Stand-Design sieht man sehr schnell, ob der Stand ankommt oder nicht – das ist das Schöne daran.

Was ist das Markenversprechen von Nomad?

Nomad ist weltoffen, respektiert Individualität und steht für eine verlässliche Durchführung vom Konzept über die Umsetzung bis zur Betreuung. Auch im Design haben wir eine Maxime: Wir wollen unsere Kunden emotional berühren und durch Einfachheit faszinieren. Das Einfachste ist das Schwerste: Werke, die lässig wirken, sind das Ergebnis harter Arbeit. Wir fragen uns: Bis zu welchem Punkt können wir das Design reduzieren? Ab wann dürfen wir nichts mehr wegnehmen? Bei unserem Modell nomad_01 allerdings war es kein Kampf, sondern die Essenz aus vielen Jahren Erfahrung.

"Im Design ist das Einfachste das Schwerste."

Jutta Werner, Nomad

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nomad_01: Recyceltes Bonbonpapier trifft traditionelle Wolle (Bild: Ivo von Renner)

Wie ist nomad_01 entstanden?

Bei einer Reise im Himalaya begegnete ich Bauern, die ihr Heu mit recyceltem Bonbonpapier verschnürt hatten. Das Farbenspiel des Materials hat mich fasziniert, es glänzte und glitzerte. Also ließ ich zwei solcher Bonbonpapier-Bündel in einer indischen Weberei weiterverarbeiten. Um den maximalen Kontrast zu erzeugen, ließ ich die schillernden Verpackungen mit Schurwolle verweben – dem einfachsten und gewöhnlichsten Material, das man sich denken kann. Der Teppich erscheint zunächst matt und gewöhnlich, aber wenn die Sonne scheint, beginnt er zu funkeln wie eine Wasseroberfläche oder der Sternenhimmel. Dadurch wirkt der Teppich wahnsinnig lebendig und sieht in jedem Raum anders aus. Raum und Teppich reagieren aufeinander. Genau das zeichnet Nomad aus: gut funktionierende Produkte mit einem charmanten, unkontrollierbaren Nebeneffekt. Unsere Kunden wählen die Maße und die Wolle selbst. Doch das recycelte Bonbonpapier lässt sich nicht steuern, da kann ein Faden auch mal komplett lila oder gelb sein. Das ist sozusagen Volume 2 der Individualisierung: Ein Produkt, das sich weitgehend individualisieren lässt, aber auch einen Rest von Überraschung und Einzigartigkeit bewahrt. Jeder nomad_01 ist ein Unikat.

Wie kommt der nomad_01 bei Kunden an?

Das hat die DOMOTEX sehr deutlich gezeigt: Wir wurden regelrecht überrannt. In diesem Jahr war ich zum ersten Mal mit einem eigenen Stand vertreten – in Halle 9, dem neuen Zentrum, wo sich alle tummeln. Es war lebendig wie in einer WG-Küche. Das hat mir unheimlich gut gefallen. Die DOMOTEX ist ein nomadischer Ort, mit all den unterschiedlichen kulturellen Einflüssen. Wie geschaffen für Nomad.

Jutta Werner ist Gründerin und Geschäftsführerin des Designstudios Nomad . Bereits als 25-Jährige machte sich die 1969 geborene Gestalterin nach ihrem Architekturstudium an der HFBK, Hamburg selbstständig.